Serbiens Rache – General Jovan Divjak stand im Bosnienkrieg auf der falschen Seite

  

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Es war der 3. Mai 1992, als die Geisel befreit werden sollte – im Austausch zu jugoslawischen Soldaten, die in ihrer Kaserne in Sarajewo stationiert, aber von bosnischen Truppen eingekesselten waren. Die Geisel, das war der tags zuvor von Serben am Sarajewoer Flughafen gekidnappte bosnische Kriegspräsident Alija Izetbegovic. Der deal lautete: Im Gegenzug freier Abzug der jugoslawischen Soldaten samt ihrer Kriegsausrüstung, ihren Panzern und der Technik aus Sarajewo. Beides sollte zeitgleich erfolgen. Die ersten Kolonnen hatten bereits die Dobrovoljacka Straße passiert, Izetbegovic war in Sicherheit, als auf bosnischer Seite der Befehl „schießen“ ertönte.

Was danach folgte war nach serbischer Schilderung ein Massaker, bei welchem Belgrad zunächst von mehreren Hundert toten jugoslawischen – überwiegend serbischen – Soldaten sprach, diese Zahl jedoch mittlerweile auf 40-50 reduzierte.  Auf bosnischer Seite beziffert man die Zahl der Toten mit weniger als 10. Insgesamt konfiszierte die bosnische Armee 16 Panzer  des Kriegsgegners.  Doch bis heute ist unklar, wer den Schießbefehl tatsächlich gab.

Vergangenes Jahr war in London der bosnische Politiker Ejup Ganic aufgrund eines von Belgrad ausgestellten Haftbefehls festgenommen  worden. Er habe  das Blutbad in der Dobrovoljacka Straße  angeordnet, behauptete Serbien. Wenige Wochen später kam er frei. Es habe sich wohl eher um eine politisch motivierte Anklage gehandelt, konstatierten britische Richter. Serbiens Reaktion: Man stockte die  „Liste der Verdächtigen“  auf fast 20 Personen auf – zumal die Internationale Gemeinschaft offenbar willig die Haftbefehle vollstreckt.   Am 3. März wurde der serbische General Jovan Divjak, der bis zum Ende des Bosnienkriegs als aktiver General der bosnischen Armee Sarajewo verteidigt hatte, auf dem Wiener Flughafen festgenommen. Daß das Internationale Kriegstribunal in Den Haag lange vorab festgestellt hatte, daß es keine Beweise für Divjaks Schuld in der „Affaire Dobrovoljacka Straße“ gebe, störte die österreichische Justiz dabei nicht.

Die angekündigte Freilassung des 74-jährigen  gegen eine von der bosnischen Regierung gestellte Kaution von 500 000 Euro und die Auflage, Österreich bis zur Klärung des Falls nicht zu verlassen,  schönt die blamable Situation kaum. 

Divjak ist immer noch ein Krebsgeschwür im Selbstverständnis serbischer Politik, ein Judas – der als Serbe seine Landsleute verriet, indem er für die Einheit Bosniens in den Reihen der bosnischen Armee unter Leitung des Muslimen Alija Izetbegovic kämpfte.  

Auch das heutige Serbien will sich, trotz verbaler  Beteuerungen proeuropäischer Gesinnung und Distanzierung von der Kriegspolitik Milosevics, immer noch nicht als Initiator der Balkankriege in den 90-er Jahren sehen. Daß man sich „nur verteidigte“, soll in Beispielen wie der Tragödie der Dobrovoljacka Straße der eigenen Bevölkerung wie der internationalen Gemeinschaft  immer wieder vor Augen geführt werden. In die Ideologie der Opferrolle, eines von allen Nachbarnationen bedrohten Serbentums, paßt deshalb kein General wie Jovan Divjak. Daß dieser selbst in der serbischen Teilrepublik Bosniens, der Republik Srpska, bis heute als Kriegsverbrecher verfolgt wird, verwundert da kaum.

Das Schicksal des Jovan Divjak ist nicht nur ein Einzelschicksal, es ist auch ein Spiegelbild des zerrissenen Bosnien –  jener Fata Morgana westlicher Politik, die jahrelang nach dem Krieg mit Erfolgen prahlte, die es nie gab. Statt die bosnischen Politiker zum Aufbau eines demokratischen Staates zu zwingen, wurden Milliarden von Aufbauhilfen verpulvert und die Hohen Repräsentanten der Internationalen Gemeinschaft immer macht- und hilfloser. Unsere Politiker haben ihren Haß auf die Bevölkerung übertragen, die Situation ist schlimmer als während des Kriegs sagt nicht nur Divjak. Auf die Frage, warum in Sarajewo kaum noch Serben leben, antwortet er ohne zu zögern: ..weil sie in Sarajewo nicht mehr leben können.

Daß auch sein Kampf um den Erhalt eines multiethnischen, von Muslimen, Serben und Kroaten  gleichberechtigt bevölkerten bosnischen Staates oft zum Alptraum wurde, darüber wissen nur wenige Bescheid.    

Gewiß, der Westen enttäuschte,  indem er ins Todeslager auf dem Balkan mehr als Schaulustiger denn als Helfer blickte.  Die islamische Weltgemeinschaft konnte selbst mit der Entsendung radikaler Mudschahedine zur Verstärkung der bosnischen Armee und Waffenlieferungen mit stillschweigender US-Billigung die serbische Militärübermacht kaum wirklich schwächen. Und daß die in Bosnien lebenden Kroaten über Nacht vom Freund zum Kriegsgegner wurden, auch dies konnte den Enthusiasmus des Serbengenerals bei der Wiederherstellung eines multiethnischen Bosnien nicht stoppen.

Viel schlimmer wog das Mißtrauen, das ihm bald in der bosnischen Armee entgegenschlug – auch von Bosniens Kriegspräsident Alija Izetbegovic. Immer wieder  wurde Divjak in den Medien mit seiner ironischen Aussage „ich bin Izetbegovics Ikebana“ zitiert. Wenn ausländische Delegationen oder Politiker eintrafen, wurde er als „serbischer General“ vorgeführt, um den Kampf Sarajewos um einen multiethnischen Staat zu untermauern.  Doch bei strategischen Lagebesprechungen zwischen der bosnischen Führung und deren Militärs war der serbische General nur selten anwesend.  Man mißtraute mir, gesteht er offen:  „Für diejenigen hinter den Bergen (Karadzics Serben die Sarajewo 3 1/2 Jahre belagerten) war ich ein Verräter – in Sarajewo zweifelten sie ebenfalls an meiner Loyalität.  

Wie tief der Argwohn bei den bosnisch-muslimischen Generälen bereits in den ersten Kriegsmonaten saß belegt der jetzt aufgerollte Fall der Dobrovoljacka-Straße, die nun  zu Divjaks Verhaftung führte. Ich rief „nicht schießen“, erinnert sich dieser, ..“da brüllte einer aus der bosnischen Armee  in seinen walky-talky: Jagt Divjak zum Teufel, er hat sein eigenes Volk verraten – er wird auch uns verraten.“

Ich weiß, sagt Divjak, wer diese Person war. Zudem gäbe es zahlreiche Augenzeugen, die eindeutig bestätigen könnten, daß er klar „nicht schießen“ rief.

Als sich kurz nach Kriegsbeginn Gerüchte verstärkten,  daß in Sarajewo etwa 300 Serben von angeheuerten Kriminellen getötet wurden, forderte Divjak Präsident Izetbegovic schockiert zur Klärung auf. Die Antwort konnte ihn kaum überzeugen. Auch die bosnische Armee hatte 2 Brigaden mit Kriminellen, ähnlich wie die Serben ihre mordenden und plündernden Freischärler.

1993 folgte der nächste Schock. Jetzt schien selbst Bosniens Kriegspräsident Izetbegovic die Idee eines multiethnischen Bosnien aufzugeben und war bereit, einem Moslem-Staat auf dem Balkan zuzustimmen.  Izetbegovic habe sich trotz der sichtbaren Überforderung überall eingemischt, doch er sei nicht fähig gewesen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, lautete Divjaks Fazit. Auch die Achillesferse des heutigen Bosnien,  nämlich die nahezu unabhängig innerhalb des bosnischen Staates funktionierende „Republik Srpska“ in welcher die Serben nahezu autonom herrschen, sei keineswegs bei den Friedensgesprächen von Dayton nach mühsamen Verhandlungen beschlossen  worden. Deren Anerkennung, sagt Divjak, sei lange vorher zwischen bosnischen und serbischen Politikern bei einem Trefffen in der Schweiz erfolgt. 

Während Divjaks Frau in tiefste Depressionen verfiel,  mußte der General nach Kriegsende eine weitere Demütigung einstecken. Er erfuhr durch die Medien von seiner Entlassung aus der Armee. Wütend und enttäuscht gab er als Antwort seinen Generalstitel zurück. Wie tief die Wunde saß, die Izetbegovics mangelndes Vertrauen bei ihm hinterlassen hatte, läßt jene Geschichte erkennen, die er mit glänzenden Augen erzählt und die ihn letztendlich doch Frieden mit Alija Izetbegovic schließen ließ :

„Zwei Wochen vor Izetbeogics Tod im Jahr 2003 überlegte ich mir, ob ich ihn noch im Krankenhaus besuchen soll. Izetbegovic hatte bis dahin den Besuch zahlreicher Politiker abgelehnt. Plötzlich rief mich der Direktor des Krankenhauses an und sagte: Izetbegovic will dich sehen.  Es war genau 10 Minuten vor 11 Uhr als ich ankam. Vor der Türe wartete ein Journalist der Zeitung Oslobodjenje – für mich ein Zeichen, daß Alija wollte, daß bekannt wird, daß er mich empfängt.

Wir scherzten etwas und ich hatte mich bereits verabschiedet, als er plötzlich sagte: Du hast mir mit deinem Besuch eine große Ehre erwiesen.

Vielleicht hatte der Mann, den im Krieg so viele internationale Freunde im Stich gelassen hatten, am Ende seines Lebens erkannt, daß der Serbe ein wahrer Freund war.

Jovan Divjak blieb in Sarajewo und ist heute vielleicht eines der wenigen Symbole für eine immer noch im Bewußtsein der Bevölkerung lebende Erinnerung an das friedliche Zusammenleben von Serben, Kroaten und Muslimen. Niemand, der „Onkel Jovo“ in Sarajewo nicht kennt. Schulterklopfen auf den Straßen, Händeschütteln mit wildfremden Menschen. So, als schütze ihn eine unsichtbare Aura vom sonst allgegenwärtigen  nationalen Haßkonzept. Man hat seinen Mut nicht vergessen, daß er gegen die Kriegspropaganda und warlords des eigenen Volkes kämpfte und deshalb heute in seiner Heimat geächtet ist. Daß ihn die meisten bosnischen Generale im Gegensatz zur eigenen Bevölkerung ignorieren, trübt das Glücksgefühl kaum. Die können mir nicht in die Augen sehen, sind eifersüchtig, weil ich im Herzen der Menschen einen Platz gefunden habe, resümmiert er ohne falsche Bescheidenheit und fügt leicht spöttisch an: Heute bin ich nicht  mehr  Ikebana sondern Ikone.

Sein Leben sind heute nicht mehr Kampfanzüge und Panzer sondern die Kinder. Selbst in einer zerrütteten Familie aufgewachsen, gründete er nach Ende des Bosnienkriegs einen Verein zur Hilfe kriegsgeschädigter oder sozial bedürftiger Kinder. Für sie kämpft er um Stipendien, um kostenlose Urlaubsreisen, um Fortbildungsmöglichkeiten. Über 30 000 Stipendien konnte er bisher organisieren – bei der Stadt Sarajewo ebenso wie bei ausländischen Hilfsorganisationen.

Die Menschen, sagt er stolz, haben Vertrauen zu mir. Das ist eine wunderbare Zeit. Zwar ist ein gemeinsames Bosnien  heute kaum möglich, doch ich bereue es nicht, dafür gekämpft zu haben.

Am Ende sollte man noch ein bislang unbekanntes Detail erwähnen: 2006 reiste Divjak  – trotz anhaltender Morddrohungen aus Serbien – „incognito“ nach Belgrad. Er war zur Premiere eines Films geladen worden, welcher das Überleben in Sarajewo schilderte. Die serbische Regierung hatte ihm vorab Sicherheit und Schutz bei seinem Aufenthalt garantiert und dieses Versprechen auch eingehalten.  14 Jahre waren zu diesem Zeitpunkt bereits seit den Schüssen in der Dobrovoljacka Straße vergangen. Jetzt überließ man es Wien, ihn deshalb zu verhaften und seine „Auslieferung“ zu fordern.

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Albanien, Drogen und merkwürdige Tote

Albert M. schiebt die Rollläden in seinem Wohnzimmer vorsichtigt nach oben. Zwei dunkelhaarige Männer stehen scheinbar belanglos auf der gegenüberliegenden Straßenseite, doch ihr Blick schweift immer wieder zu Albert M.`s Fenster.  Der wird noch um eine Nuance bleicher. Sie haben mich gefunden, sagt er und schiebt das Sicherheitsschloß an der Türe vor. 

Fast 6 Jahre sind vergangen seit Albert M. buchstäblich über Nacht aus Albanien fliehen mußte. Das Bundeskriminalamt (BKA) hatte sein  Leben als „ unmittelbar bedroht „eingeschätzt.  Zurück in Deutschland schilderte er den Beamten detailliert sein Wissen um die Verflechtung deutscher Manager und Botschaftsangehöriger in Albanien mit albanischen Mafiosi, über veruntreute Spendengelder in Millionenhöhe und mysteriöse Todesfälle unter Deutschen, die beruflich in Tirana weilten. Das fast 20-seitige Protokoll wurde vom BKA und dem ebenfalls eingeweihten BND unter Verschluß gehalten – bis es im Oktober vergangenen Jahres plötzlich auf unerklärliche Weise illegal  im Internet landete. Seither, vermutet Albert M., sucht die albanische Mafia seine Fährte. Denn der 2005 plötzlich verschwundene Deutsche könnte zum gefährlichen Zeugen gegen  die Unterwelt werden. Von seinem  Insiderwissen konnten sich die Kriminellen dank Internet hinreichend überzeugen.  Auch die deutschen Behörden waren sich dieser Gefahr bereits nach Rückkehr des Deutschen bewußt und empfahlen ihm eine Änderung seines Namens. 

Es war Sommer 1999, als Albert M., der damals noch Thomas Rossner hieß, nach Albanien reiste.   Er sollte die Neukonstruktion der Universitäts-Kinderklinik in Tirana leiten, als deren Schirmherrinnen sich Ex-Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf und die Verlegergattin Friede Springer gerne fotografieren ließen.  Lt. Medienberichten sollten in der Kinderklinik dank großzügiger Spenden  ausländischer Hilfsorganisationen bereits bei Rossners Eintreffen wesentliche Renovierungsmaßnahmen eingeleitet und Mobilar geliefert worden sein. Tatsächlich, erinnert sich Rossner, waren nicht mal Betten vorhanden. Als später medizinische Geräte und Apparate ankamen,  wurden diese noch vor dem Abladen der Lkw`s von Ärzten und Krankenschwestern für ihre Privatpraxen geplündert.  Erst als ich ein mit Stahlstäben und Panzertüren abgesichertes Magazin errichteten ließ, sagt der Deutsche, konnten weitere Hilfslieferungen unter strenger Polizeibewachung in die Klinik gelangen.

Schon im August 2000 wurde Rossner die nächste Aufbauarbeit in Tirana angetragen: Die Leitung des Kinderhauses in Tirana, welches sich um Straßenkinder, Waisenkinder und Kinder in Not kümmerte. Für sein beispielhaftes Engagement wurde er  2004 sogar mit dem „Mutter Theresa-Orden“ ausgezeichnet.

Eine Traumkarriere, die am 21.4.2005 jäh mit einer SMS beendet wurde.“ Paß auf, daß es dir nicht ergeht wie deinem Freund Willy“, lautete die Nachricht. 

Die Deutsche Botschaft in Tirana zögerte keinen Augeblick. Das BKA wurde informiert, Rossner zur Ausreise förmlich gezwungen. Denn schon bis dahin hatten einige Todesfälle deutscher Bürger in Albanien mehr Zweifel als Vertrauen in die offizielle Darstellung albanischer Behörden hinterlassen.

Willy Weitzel, dessen Schicksal Rossner angedroht wurde,  war am 1.5.2004 in seinem Appartement in Tirana tot aufgefunden worden. Selbstmord, behaupteten die albanischen Behörden. Für Insider, darunter auch Angehörige der internationalen Polizei, war es Mord. Ein Augenzeuge: Ich habe die Leiche gesehen, da gibt es keinen Zweifel.

Willy Weitzel alias Michael Brandon alias Willi Liesmann war seit 2002 der BND (Bundesnachrichten)-Resident in Albanien. Bekannt wurde er bereits 1994, als er unter dem Decknamen Willi Liesmann Drahtzieher bei einem vom BND eingefädelten Schmuggel von 238 Gramm Plutonium aus Moskau war.

Auch in Tirana hatte sich der eifrige BND-Ermittler gleich wieder an anrüchige Fährten geheftet: Illegale Visavergaben, veruntreute Hilfsgelder und Drogengeschäfte. Freunde hatten ihn vergeblich zur Vorsicht gewarnt.  Erst am 19.5.2002 war der US-Botschafter Josef Limprecht auf mysteriöse Weise einem Herztod  (wie so viele nach ihm) erlegen. Gerüchte hielten sich allerdings hartnäckig, er sei zu einer Tour in die albanischen Berge gezwungen worden. Dort habe ihn, so die spekulationsfreudigen albanischen Medien, der US-Geheimdienst selbst liquidiert, um einen Skandal zu vermeiden.  Denn der ehemalige CIA-Agent in Pakistan, Limprecht, sei möglicherweise  selbst in Drogengeschäfte verwickelt gewesen. .

Willy Weitzel überlebte ihn  um 2 Jahre. Auch diesmal reagierten die Medien mit der üblichen Diffamierungskampagne – vermutlich  um weitere Ermittlungen zu verhindern. Er habe aufgrund von Depressionen Selbstmord verübt, sei zudem ein Säufer und Transvestit gewesen, in dessen Kleiderschrank man Frauenkleider Größe 36 gefunden habe, lauteten die Schlagzeilen. Freund Thomas Rossner dazu: Ein wenig ungewöhnlich bei einem Koloß von nahezu 2 Zentnern!

Tatsächlich, erzählt Rossner, hätten die Kleider Willys albanischer Lebensgefährtin Viola gehört – einer Liebesaffaire ala James Bond. Denn die zierliche Albanerin sei, so Rosser, als Mitarbeiterin des albanischen Geheimdienstes auf den BND-Mann angesetzt gewesen.  Aus welchem Grund und mit welcher deutsch-albanischen Kooperation der Spionageauftrag letztlich in einer Liebesbeziehung endete, wissen wohl nur die Beteiligten selbst –und vielleicht Berlin.

Noch am 29.4., also kurz vor Weitzels Tod, hatte sich Rossner mit diesem im Hotel Rogner in Tirana getroffen.  Rossner erinnert sich: „Willy informierte mich,  daß er in Kürze alles auffliegenlasse – die korrupte Visavergabe innerhalb der Botschaft, den Spendenmißbrauch – auch durch zahlreiche Vertreter internationaler Organisationen in Albanien – deren mögliche Involvierung in Kinderhandel und Prostitution, vor allem aber die Drogentransporte albanischer Mafiosi mithilfe deutscher Lkw`s nach Deutschland und Italien.

Hier spielte ein Albaner namens Herkuran Hoxha, genannt auch Ronni oder „der Pate“ eine Schlüsselrolle.  Ein Mann, der mit Schutzgelderpressung und Drogenschmuggel Millionen verdiente und 2008 auf Veranlassung der Mailänder Justiz mit weiteren 4 Clanmitgliedern in Albanien wegen Verdachts auf  Heroinschmuggel verhaftet wurde. Daß er nach einem absichtlich verschleppten Ermittlungsverfahren ein Jahr später wieder auf freiem Fuß war, spricht weniger für die Unschuld des bereits in der Türkei wegen Drogenschmuggels eingesessenen Albaners als für die Bestechlichkeit der albanischen Justiz gegenüber dem Drogenkartell und die schützende Hand seiner Polit-Paten.  Eine korrumpierte Elite aus Zoll, Polizei und Politik, die sich regelmäßig zu Ronnis wöchentlichem  „Umtrunk“ in Shijak traf –  einer Gemeinde nahe der Hafenstadt Durres. Hier, in einer Art albanischem Disneyland mit  kitschigen Schloßimitationen, pompigen Burgen und Prunkvillen leben zahlreiche Mafiabosse, geschützt durch ihre eigenen kleinen Armeen, gefürchtet von Polizeipatroillen.  Zu Ronnis Freunden zählten aber nicht nur Landsleute und Dealer. Auch eine Gruppe einflußreicher europäischer Diplomaten und deutscher Manager, die sich in Albanien niedergelassen hatten, schätzten seine Gesellschaft.   

Eine von ihnen war Brigitte Nickel, Geschäftsführerin der in Tirana ansässigen deutschen Firma Trumpf, eng befreundet auch mit Thomas Rossner. Mindestens einmal monatlich fuhren die Lkw der Oberbekleidung herstellenden Firma nach Deutschland und Italien. Daß Ronni auf seinem Grundstück gegenüber der Firma Trumpf unter großen Kieshaufen, die sich am Ende eines Kuhstalls befanden, Drogen versteckt hatte, wußten wir alle, gestand Rossner dem LKA freimütig.  Frau Nickel wiederum war dem Albaner dankbar, da sein Clan ihre Firma und Villa während der Unruhen in Albanien 1997 vor einer Plünderung durch den Straßenmob geschützt hatte. Später führte sie nicht nur ihn und seine Ehefrau auf den Lohnlisten, sondern wurde  sogar Patentante von Hoxhas jüngster Tochter. Daß der Albaner heimlich unter den Waren der Firma Trumpf Drogen ins Ausland schmuggelte,  mußte die Trumpf-Chefin zumindest geahnt haben.

Doch das „Wegschauen“ funktionierte nur bis Dezember 2003. Kurz vor Weihnachten konfrontierte Willy Weitzel die Managerin mit der Drohung, er werde in Kürze den Drogenclan samt seiner Helfer auffliegen lassen. Daraufhin, erinnert sich Rossner, sei es zum handfesten Streit zwischen Ronni (Hoxha) und Brigitte Nickel gekommen, die ihn aufforderte, die Drogengeschäfte einzustellen.

3 Wochen später, in der Nacht vom 13./14.Januar 2004 starb Brigitte Nickel dann plötzlich an Herzversagen. Rossner war an diesem Abend ebenso anwesend wie Ronni und sein merkwürdiger Freund und Trumpf-Mitarbeiter Nasmi Grori. Anwesend war auch der mit Brigitte seit 2002 liierte Herbert Schenk, der in der Visastelle der deutschen Botschaft arbeitete. Gegen ihn ermittelte später die deutsche Staatsanwaltschaft  wegen zwielichtiger Visavergaben. Rossner erinnert sich: „Brigitte Nickel ging kurz vor Mitternacht zu Bett, ich etwa  eine halbe Stunde später. Die anderen blieben noch im Kaminzimmer sitzen. Gegen 1 Uhr morgens weckte mich Herr Schenk und sagte, Brigitte läge tot im Badezimmer. Meine Wiederbelebungsversuche waren erfolglos. Nach 1 ½ Stunden kam ein albanischer  Arzt und bestätigte ohne weitere Untersuchug Tod durch Herzversagen. Nur wenig später wurde auch der verschweißbare Zinksarg geliefert – für mich überraschend, da solche Spezialsärge oft erst nach Tagen geliefert werden. Noch am selben Tag wurde der Leichnam als Luftfracht nach Deutschland transportiert.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Rossner bereits einverstanden  erklärt, beim Aufbau  eines neuen Projektes zu helfen,  das Ronni (Hoxha) noch gemeinsam mit Brigitte Nickel geplant hatte: Die Eröffnung eines Baumarkts, genau gegenüber der Firma Trumpf. Willy Weitzel hätte ihn darum gebeten, begründet Rossner die Entscheidung, ..“um dadurch weiter von den illegalen Geschäften des Clans zu erfahren.“

Der Verbrauchermarkt, der Waren von Obi und Lux anbot, sollte vor allem die Millionengewinne aus Drogengeschäften waschen.  Um keine Rückfragen über die Herkunft der Investition zu provozieren, wurde die Millioneneinlage von Ronni Hoxha u.a.  als Darlehen von Bruder, Schwager und sogar von Rossner deklariert –  und eine Woche später durch ein seperates Anwaltschreiben „als wieder getilgt“ bestätigt.

Auch Weitzels Verdacht, daß die Transportkette für Drogen mit dem Tod von Brigitte Nickel keineswegs beendet war, war begründet. Schon 4 Wochen später, im Februar 2004,  sah Rossner von seiner Wohnung über dem Bauhaus wie einige Männer „Ware“ anlieferten, unter Kieshaufen auf dem Gelände des Bauhauses versteckten und nachts heimlich auf einen Lkw der Firma Naber verluden. Die Firma Naber hatte nach Frau Nickels Tod die Firma Trumpf übernommen. Der nächste Lkw sollte am 8. März zur albanischen Hafenstadt Durres abfahren und von dort nach Italien verschifft werden. Weitzel gab der italienischen  Polizei den entscheidenden Hinweis. Diese beschlagnahmte am 9.März 70 kg Drogen.  Der Fahrer des Lkw hatte 25 000 Honorar erhalten. Die Nachfolgerin der verstorbenen Brigitte Nickel, Frau Vogtlaender, wurde von der albanischen Polizei verhört. Dabei wurde es belassen.

Willy Weitzel starb 7 Wochen später.

Doch  das Bauhaus war nicht das einzige Projekt, bei welchem die albanische Unterwelt die Kontakte zu Deutschen und ausländischen Hilfsorganisationen nutzte.

Auch im Kinderhaus ermittelte immer wieder  albanische Polizei, nicht zuletzt wegen anhaltender Gerüchte über den Verkauf von Kindern über Mazedonien nach Griechenland.  Der von Oktober 2000 bis Mai 2001 als Projektleiter der Welthungerhilfe in Albanien eingesetzte Deutsche Alfred Horn wurde von den albanischen Medien sogar als  „weißer Sklavenhändler“ beschimpft.  Horn, der eng mit dem albanischen Kriminellen Sokol Kociu (2001 wegen Auftragsmord, Drogenhandel und Prostitution verhaftet) befreundet war, hatte sich in der oberste Etage des Kinderhauses eine Wohnung und ein Büro eingerichtet.  Raum, der lt. Rossner eigentlich den Kindern zugestanden wäre.. Doch seine Proteste bei der Zentrale in Bonn blieben ohne Reaktion.

Zusätzlich diskreditiert wurde das Kinderhaus durch die Vergewaltigung einer dort tätigen Sekretärin durch eine kolumbianischen Mitarbeiter der Welthungerhilfe. 

Wie es geschehen konnte, daß das Kinderhaus bis 2005 immer tiefer in die Abhängigkeit von Kriminellen geriet, darüber ist auch von Rossner wenig zu erfahren. Da er mittlerweile im Bauhaus tätig gewesen sei,  habe er die Vorgänge nur sporadisch verfolgt, antwortet er.  Dennoch verfaßte er am 23. März 2005 einen verzweifelten schriftlichen Appell an den Vorstand des Nationalen Hilfsprogramms Albanien NHPA, das in juristischer Verantwortung für das Aufbauprojekt Kinderhaus stand.     „Das Kinderhaus befindet sich im Fokus der Mafia“, steht darin wörtlich, ..“die Angst der Mitarbeiter vor inszenierten Unfällen und Mordanschlägen ist allgegenwärtig.“ 

Nur 6 Wochen später gab es einen erneuten Toten: Peter Bartmann (58), der deutsche Manager des Hotels International in Tirana,  lag tot in seinem Badezimmer, eine  Spritze am Beckenrand.

Auch Bartmann zählte zum Bekanntennkreis um Ronni Hoxha und hatte lange Zeit als Manager des Hotels Adriatik im Mafianest Shijak gearbeitet. Über Nacht verschwand er dort, um später als Geschäftsführer des Tiraner International-Hotels wieder aufzutauchen – Gerüchten zufolge, nachdem dieses von der Mafia übernommen worden war.

Wie gewohnt lief auch hier das Szenario der albanischen Medienberichterstattung ab. Man bot gleich 2 Variaten an: Suizid wegen Depressionen oder Tod durch eine zu hohe Dose Viagra.

Zu diesem Zeitpunkt versteckte sich Thomas Rossner bereits in Deutschland. Nach dem aufgeflogenen Drogentransport nach Italien im März 2004 war der Mafiaclan gegenüber Rossner mißtrauisch  geworden.  Immer wieder trafen Drohbriefe ein,  der letzte mit einer SMS am 21.4.2005: Wir wissen, daß du den Transport verraten hast. Paß auf, daß es dir nicht ergeht wie deinem Freund Willy.“

Was danach folgte, beschreibt Rossner als filmreif. In Polizeibegleitung wurde er zu seiner Wohnung in Tirana eskortiert. Dort hatte sich bereits der Ronni Hoxha-Clan aufgebaut, der sich nach Sicht der Dinge jedoch schleunigst zurückzog.

Ich durfte nur die Reisetasche packen, erinnert sich Rossner, mußte mich dann auf Anweisung deutscher Behörden 3 Tage im Hotel Rogner in Tirana verstecken und wurde am 24. April 2005 im Beisein eines deutschen Polizisten via Budapest nach Deutschland ausgeflogen. Botschaftsrätin Sabine Bloch hatte seine  „akute Bedrohung“ bestätigt, die keinen weiteren Verbleib im Land zulasse.

Dann passierte das „Unvorstellbare“.  Ich kam vom Regen in die Traufe, sagt Rossner fassungslos. Nach einer zunächst freundlichen Befragung beim LKA Hamburg trafen 2 Beamte des BND aus Pullach ein, die sich lächerlicherweise mit den Namen Fuchs und Wolf vorstellten: „ Ihre Befragung erinnerte mich an schlimmste Stasi-Zeiten. Die haben mich zusammengeschissen, weil ich mich nach dem Tod von Willy Weitzel an die Presse gewandt hatte. Dann ließen sie mich auf ein Papier das Büro des BND in Tirana skizzieren. Als sie feststellten, daß ich Einzelheiten und sogar Geheimnummern von Willy Weitzels Mission in Albanien wußte, gerieten sie in Panik. Wenn sie ihren Mund nicht halten, drohten Fuchs und Wolf, werden sie in Deutschland nie wieder ihren Fuß auf den Boden setzen können.“

Rossner, schrieben sie später in ihrem Bericht, sei schizophren und  lüge. Ein Mitarbeiter des LKA in Hamburg, der Rossner ebenfalls verhört hatte, hält ihn dagegen für absolut glaubwürdig. Auch andere, seinerzeit ebenfalls zum Freundeskreis des Albaners Ronni zählende Ausländer bestätigen – wenn auch um Diskretion bittend – seine Angaben. Ein Unternehmer aus Durres sagt: Rossner war gewiß naiv, doch er selbst war weder in Drogengeschäfte verwickelt noch erzielte er durch seine Verbindungen finanzielle Vorteile. 

Mittlerweile hat Thomas Rossner  – unter anderem Namen –  im europäischen Ausland eine Stelle als Altenpfleger gefunden. Doch seit die „LKA-Verschlußsache Rossner“ im Internet nachzulesen ist, hat ihn die Vergangenheit wieder eingeholt. Wenn meine neue Identität auffliegt, sagt er resigniert, bin ich ein toter Mann. Dann drückt er erneut die Lamellen der Rollläden um ein paar Zentimeter auseinander. Die beiden Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen – vielleicht auch zufällig – immer noch da ….

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